Lange haben wir darauf gewartet, mein Enkelsohn Sascha und ich. Es war ein Geschenk zum seinem 18. Geburtstag, der bereits am 28. Juni 2019 war. Aber im Jahr 2019 war es uns leider nicht möglich den Ortler zu besteigen, zunächst aus Arbeitsgründen und dann später passte das Wetter nicht mehr.
Heuer nun im Jahr 2020 war es mir ein großes Anliegen den Ortler mit meinem Enkel zu besteigen.

Sascha, Blick auf die Hintergrat Hütte, im Hintergrund Königspitze

Es ist ein ruhiger Abend. Die Hütte darf Corona-bedingt nur halb gefühlt werden. 35 Personen übernachten, 33 davon werden morgen, 19. Juli 2020 über die Hintergrat-Routen den Ortler besteigen. Die Berge sind abends noch in Wolken gehüllt, doch der Wetterbericht für den nächsten Morgen ist ausgezeichnet, schönes Wetter mit nahezu wolkenlosen Himmel ist vorhergesagt.
Nach dem Abendessen legen wir uns schon bald ins Bett, es wird eine kurze Nacht, der Wecker ist für 3:15 Uhr gestellt. Ab 3:30 Uhr gibt es Frühstück.

Die Hintergrat-Route zum Ortler

Die Nacht war ruhig und wir sind bereits vor der Weckzeit wach. Nach dem Frühstück überprüfen wir nochmals die gesamte Ausrüstung. Kurz vor 4:00 Uhr gehen im Dunkeln mit der Stirnlampe wir los. Vor uns sind schon 4 bis 5 Gruppen unterwegs. Ca. 20 Minuten brauchen über wir die Moräne bis Schutt über den wir dann zum Hintergrat aufsteigen. Ab hier geht es nun steil nach oben. Am Ende des Kars beginnt dann die Kletterei. Giordano, unser Bergführer legt ein ziemliches Tempo vor, er will wohl als erster durch die Kletterpassagen. Während wir langsam hochsteigen kann man am noch dunklen Himmel erkennen, dass Wolken über die Gipfel ziehen. Noch scheint es als ob die Wettervorhersage wohl falsch ist. Doch nach ca. 1,5 Stunden Aufstieg und kurz bevor wir den Grat erreichen sind die Wolken wieder nahezu verschwunden. Ganz spektakulär geht um um ca. 5:40 Uhr die Sonne in der Nähe der Tschnenglser Hochwand auf.

Sonnenaufgang in der Nähe der Tschenglser Hochwand

Den größten Teil des steilen Aufstieges haben wir nun bald hinter uns. Zunächst geht es aber noch weiter über einen sanften Firngrat hoch zu linken oberen Felsgrat gerade rechtzeitig zum Sonnenaufgang. Es ist immer wieder ein erhabenes Erlebnis, einen Sonnenaufgang in den Bergen zu erleben.

Ab nun wird der Aufstieg langsamer, wir haben die Kletterpassagen erreicht. Giordano unser Begleiter macht das großartig, er klettert voraus, zeigt uns die schwierigen Passagen und erklärt uns auch wie wir diese am Besten meistern können. Ohne größere Probleme kommen wir recht zügig voran und schon bald darauf erreichen wir den Hintergrat Gletscher.

Den Hintergrat Gletscher haben wir hier bereits überquert

Nun stehen uns noch die Schlüsselstellen der Hintergrat Besteigung bevor. Es ist Felskletterei der Stufe 4, mir sagte das nichts. Zunächst unbeeindruckt kletterten wir an beinahe senkrechten Felsen mit guten Griffen und Tritten empor. Giordano merkte man so richtig die Freude am Klettern an, die auch auf uns übersprang und so hatten wir kaum Mühe im höher zu „kraxeln“.

Steil abfallende Wände
Die Schlüsselstelle auf der Hintergrat Route

Bald nachher der Schlüsselstelle erreichten wir bald den wohl spektakulärsten Abschnitt auf dem Weg zum Gipfel, den Signal Kopf, den wir links umkletterten, d.h. wir stiegen zunächst etwas ab bevor wir wieder vor der eindrucksvollen Felsformation wieder zum Grat aufstiegen.

Der Signal Kopf

Der Gipfel ist nun bald erreicht. Bei herrlichem Wetter genießen wir den atemberaubenden Blick auf die umliegenden Berge und nach einer wohlverdienten Stärkung und den obligaten Gipfelfotos machen wir uns langsam wieder auf dem Weg nach unten. Der Abstieg erfolgt auf der Ortler Normalroute, hinunter über das Plateau des Ortlerferners, vorbei am sog. Gletscherauge zur Randspalte. Von da geht es nun im Zick-Zack sehr steil nach unten bis ans Ende der Gletscherzunge.
Mit leichter Kletterei steigen wir dann über felsiges Gelände weiter ab und erreichen dann schließlich den Klettersteig. Sicher und gekonnt meistern wir unter der professionellen Anleitung und Sicherung durch Giordano auch diese Schwierigkeit. Müde aber überaus glückliche erreichen wir nach ca. 7,5 dann die Payerhütte. Hier gönnen wir uns eine Pause und stärken uns mit Apfelstrudel bevor wir den ca. 2-stündigen Abstieg nach Sulden in Angriff nehmen.